Fast die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland fühlt sich häufig ausgebrannt.
Das klingt alarmierend – handelt es sich bei Burnout um einen vorübergehenden Trendbegriff oder sehen wir die Spitze einer ernsten, stillen Krise? In diesem Beitrag schauen wir uns an, wie verbreitet Burnout-Symptome und Burnout-Diagnosen in Deutschland wirklich sind. Wir gehen auf aktuelle Zahlen (möglichst bis 2024), regionale Unterschiede, internationale Vergleiche und Hintergründe ein.
Du wirst sehen, dass Burnout längst kein Randphänomen mehr ist und die Statistik einige überraschende Erkenntnisse bereithält.
Was bedeutet Burnout überhaupt?
Bevor wir in die Zahlenwelt eintauchen, klären wir kurz den Begriff: Burnout (wörtlich „Ausgebranntsein“) bezeichnet einen Zustand emotionaler, mentaler und körperlicher Erschöpfung, der meist durch chronischen Stress am Arbeitsplatz verursacht wird.
Typischerweise fühlen sich Betroffene dauerhaft überlastet, entwickeln eine zunehmende Distanz oder Zynismus gegenüber ihrer Arbeit und leiden unter einem Gefühl verringerter Leistungsfähigkeit. Einfach gesagt: Die „Batterie“ ist leer und lässt sich durch normale Erholungsphasen kaum noch aufladen.
In der Fachwelt gibt es dabei eine wichtige Nuance: In früheren Diagnoseklassifikationen (ICD-10) wurde Burnout nicht als eigenständige Krankheit geführt, sondern lediglich mit dem Code Z73 („Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“) als Zusatzdiagnose verschlüsselt.
Das heißt, Ärzte haben Burnout oft gar nicht als Hauptdiagnose auf die Krankschreibung geschrieben, sondern eher als Begleitproblem – häufig wurde stattdessen eine Depression oder Anpassungsstörung diagnostiziert.
Erst die jüngste Klassifikation (ICD-11) der Weltgesundheitsorganisation erkennt Burn-out offiziell als „arbeitsplatzbezogenes Phänomen“ an (allerdings weiterhin nicht als eigenständige Krankheit.
Das zeigt: Burnout bewegt sich an der Schnittstelle von medizinischer Diagnose und gesellschaftlichem Phänomen. Kein Wunder also, dass es laufende Debatten gibt, ob Burnout etwas anderes ist als eine klassische Depression oder nur ein moderner Name dafür. Diese Debatte behalten wir im Hinterkopf, während wir uns die Statistiken anschauen – denn sie beeinflusst, wie und ob Burnout in Zahlen erfasst wird.
Wie häufig ist Burnout in Deutschland?
Beginnen wir mit der zentralen Frage: Wie verbreitet sind Burnout-Erkrankungen in Deutschland, und entwickeln sich die Zahlen nach oben? Hierzu betrachten wir verschiedene Datenquellen – von Umfragen unter Beschäftigten bis zu harten Krankenkassenstatistiken.
Burnout-Gefühl: Jede*r Zweite häufig erschöpft
Vielleicht kennst du selbst Tage, an denen du dich nach der Arbeit nur noch erschlagen fühlst. Damit bist du nicht allein: In einer aktuellen repräsentativen Befragung von über 1.000 Vollzeitbeschäftigten im Oktober 2024 gaben 44 % an, sich häufig („sehr oft, täglich“ oder „die Hälfte der Zeit“) durch die Arbeit mental erschöpft oder ausgebrannt zu fühlen.
Wie viel Prozent der Deutschen haben Burnout?
Fast jede*r Zweite! Weitere 46 % fühlten sich zumindest gelegentlich ausgebrannt. Diese Zahl unterstreicht, wie alltäglich das Ausgebranntsein inzwischen ist. Interessant dabei: Frauen berichteten dieses Ausgebrannt-Gefühl tendenziell häufiger als Männer – ob dies daran liegt, dass Frauen tatsächlich stärker betroffen sind oder eher bereit, es zuzugeben, sei dahingestellt.
Auch andere Umfragen zeichnen ein ähnliches Bild: Eine Studie der Pronova BKK fand Anfang 2024 heraus, dass 61 % der Arbeitnehmerinnen sich selbst für gefährdet halten, an Überlastung (Burnout) zu erkranken.
Zum Vergleich: 2018 – also vor der Corona-Pandemie – lag dieser Wert noch um 11 Prozentpunkte niedriger, hier zeigt sich also ein deutlicher Anstieg des subjektiven Burnout-Risikos über die letzten Jahre. Besonders bemerkenswert: 21 % der Befragten stuften ihr persönliches Burnout-Risiko sogar als hoch ein Das ist mehr als jeder Fünfte, der fest davon ausgeht, auf ein Burnout zuzusteuern.
Solche Umfragen basieren zwar „nur“ auf Selbsteinschätzung, aber sie verdeutlichen die gefühlte Dimension: Burnout ist in vielen Köpfen präsent – man könnte sagen, es gehört fast schon zum modernen Arbeitsleben dazu, dass man mindestens einmal daran denkt: „Bin ich kurz vor dem Burnout?“
Diagnosen und Krankschreibungen: Was sagen die Krankenkassen?
Fühlen ist das eine – aber was sagen harte Fakten wie ärztliche Diagnosen und Krankmeldungen?
Schauen wir dazu auf Daten der großen Krankenkassen, die jährlich Berichte über Krankheitsstände veröffentlichen. Hier zeigt sich ein etwas differenziertes Bild: Einerseits bestätigt sich, dass Burnout-Erkrankungen deutlich zugenommen haben.
Andererseits sind die absoluten Zahlen (im Vergleich zu anderen Krankheiten) noch immer moderat – was aber, wie erwähnt, auch daran liegen kann, dass viele Burnouts als andere Diagnosen erfasst werden.
Ein Blick zurück: Im Jahr 2007 wurden bei der KKH (Kaufmännische Krankenkasse) rund 24.500 Versicherte mit dem Burnout-Syndrom diagnostiziert – das waren 115 % mehr Fälle als zehn Jahre zuvor, 2007. In nur einer Dekade hat sich die Zahl der bei dieser Kasse gemeldeten Burnout-Diagnosen also mehr als verdoppelt. Dieser explosive Anstieg in den 2000ern hat Burnout überhaupt erst als gesellschaftliches Problem ins Rampenlicht gerückt.
Seit etwa 2010 steigen auch die Fehltage durch Burnout kontinuierlich an. Schauen wir auf die Zahlen der AOK (Allgemeine Ortskrankenkasse), die als größte Kasse einen guten Querschnitt liefert:
- 2011: 96,9 Burnout-bedingte Fehltage je 1.000 Versicherte (AOK)
- 2020: 131,7 Fehltage je 1.000 Versicherte.
Das bedeutet, dass im Jahr 2020 auf jeweils 1.000 AOK-Mitglieder schon 132 Ausfalltage wegen Burnout kamen – ein Anstieg um 36 % gegenüber 2011. Anders formuliert: 2011 entfielen rechnerisch auf 1.000 Beschäftigte etwa 97 Burnout-Krankheitstage, 2020 waren es schon 132 Tage. Tendenz steigend.
Eine neuere Auswertung der AOK zeigt, dass dieser Trend sich bis 2024 weiter fortgesetzt – ja sogar beschleunigt – hat. Laut Fehlzeiten-Report 2024 der AOK stieg die Anzahl der Burnout-bedingten Arbeitsunfähigkeitstage pro 100 beschäftigte AOK-Mitglieder von 100 Tagen (2014) auf knapp 184 Tage (2024). Das entspricht einer Zunahme um 84 % in zehn Jahren – Burnout-Fehlzeiten haben sich also beinahe verdoppelt. In absoluten Zahlen heißt das: 1,84 Fehltage pro Jahr und Beschäftigtem sind mittlerweile durch Burnout verursacht (2014 waren es 1,0 Tag).
Ein derartiger Sprung binnen einer Dekade ist außergewöhnlich und übertrifft den Anstieg vieler anderer Krankheitsarten deutlich.
AOK Institut: „180.000 Beschäftigte“ aufgrund von Burnout krankgeschrieben
Betrachten wir die gesamte Volkswirtschaft, wird das Ausmaß noch greifbarer.
Das Wissenschaftliche Institut der AOK hat hochgerechnet, dass im Jahr 2020 deutschlandweit etwa 180.000 Beschäftigte aufgrund von Burnout krankschrieben waren – insgesamt 4,5 Millionen Fehltage kamen dadurch zusammen. Vier-ein-halb Millionen Arbeitstage in nur einem Jahr gingen also allein durch Burnout verloren. Man könnte sich das so vorstellen: Diese Zahl entspricht etwa der gesamten jährlichen Arbeitszeit von 18.000 Beschäftigten (bei ~250 Arbeitstagen/Jahr).
Eine mittelgroße Stadt von Arbeitnehmer*innen quasi ein ganzes Jahr lang ausgefallen – das ist die versteckte Last, die Burnout auf unsere Volkswirtschaft legt.
Nun könnte man einwenden: Sind solche Fehlzeiten vielleicht übertrieben, weil Burnout heute „in Mode“ ist und schneller attestiert wird? Tatsächlich gab es um 2019 herum Diskussionen, weil der BKK-Gesundheitsreport 2019 feststellte, dass die Burnout-Zahlen bis dahin relativ konstant blieben und das öffentliche Interesse eigentlich höher war als die Statistik vermuten ließ. Doch seither – und insbesondere durch die Corona-Krise – hat sich einiges geändert: Die aktuellen Daten zeigen klar nach oben.
Beispielsweise vermeldet die DAK in ihrem Psychreport 2024 für das Jahr 2023 einen Höchststand an psychisch bedingten Fehltagen insgesamt – 52 % mehr als zehn Jahre zuvor. Burnout fällt zwar oft unter Kategorien wie „Belastungsreaktionen“ oder „Erschöpfung“, aber trägt wesentlich zu diesem Anstieg bei.
Laut KKH stiegen die Fehlzeiten durch psychische Leiden wie Depressionen, Anpassungsstörungen und chronische Erschöpfung (letzteres umfasst Burnout) 2024 erneut auf den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung. Konkret waren es bei der KKH 392 Fehltage je 100 Versicherte wegen solcher Diagnosen – zum Vergleich: 2017 lag dieser Wert noch bei 298 Tagen. Hier spiegelt sich also ebenfalls eine massive Zunahme in wenigen Jahren.
Unterschiede zwischen Frauen und Männern
Ein sehr interessantes Detail in den Statistiken: Frauen scheinen deutlich häufiger von Burnout betroffen zu sein als Männer. Zumindest legen das die Krankenkassendaten nahe. So wies der Fehlzeiten-Report der AOK für 2020 aus, dass auf weibliche Mitglieder 174 Ausfalltage je 1.000 Versicherte aufgrund von Burnout entfielen, auf männliche Mitglieder hingegen nur 97,6 Tage. Anders gesagt: Frauen kamen auf 78 % mehr Burnout-bedingte Fehltage als Männer. Diese Differenz ist enorm und wirft natürlich Fragen auf.
Woran könnte das liegen? Eine mögliche Erklärung: Frauen tragen oft eine doppelte Belastung – neben dem Job noch mehr Verantwortung in Haushalt oder Familie –, was die totale Erschöpfung begünstigt.
Zudem sind Frauen überproportional in sozialen Berufen tätig, die als besonders burnoutträchtig gelten (dazu gleich mehr). Interessant ist aber auch der Interpretationsspielraum: Es könnte sein, dass Frauen eher bereit sind, psychische Erschöpfung einzugestehen und sich krankschreiben zu lassen, während manche Männer vielleicht länger „durchhalten“ und deshalb seltener als Burnout-Fall in der Statistik auftauchen.
Auch in Umfragen gaben weibliche Beschäftigte häufiger an, sich ausgebrannt zu fühlen – ob dies an objektiv höherer Belastung oder an offenerer Kommunikation liegt, sei dahingestellt. Wahrscheinlich spielen biografische und soziale Faktoren zusammen: So oder so ist die Geschlechterdifferenz bei Burnout auffällig.
Werfen wir dazu einen Blick auf eine kleine Tabelle, die die AOK-Daten von 2020 wiedergibt:
| Burnout-Fehlzeiten 2020 (AOK) | Frauen | Männer |
|---|---|---|
| AU-Tage aufgrund Burnout je 1.000 Versicherte | 174,0 | 97,6 |
AU-Tage = Arbeitsunfähigkeitstage (Fehltage), Burnout kodiert als ICD-10 Z73
Man sieht: 174 vs. 97,6 – diese Diskrepanz spricht Bände. Sie passt übrigens ins allgemeine Bild, dass psychische Erkrankungen (zu denen Burnout zählt) bei Frauen häufiger zu Krankschreibungen führen. Dafür liegen Männer z.B. bei Muskel- und Skeletterkrankungen oder Unfällen oft vorn. Im Kontext Burnout deutet das Ergebnis auf spezifische Belastungen hin, denen Frauen ausgesetzt sind.
Eine zusätzliche Überlegung: Frauen sind eventuell selbstkritischer und spüren früher, wenn die Kräfte nicht mehr reichen, während Männer sich länger überschätzen – auch das könnte ein Grund sein, warum Frauen eher die Reißleine ziehen und einen Burnout attestiert bekommen. All das sind jedoch Hypothesen. Fakt ist: Burnout hat ein Geschlecht – zumindest in der Statistik.
Und dieses Faktum sollten Arbeitgeber und Gesundheits-Experten im Auge behalten, um zielgerichtete Unterstützung anbieten zu können (z.B. speziell auf Frauen zugeschnittene Präventionsangebote – aber halt, über Prävention wollen wir ja nicht ausführlich reden, das nur als Hinweis am Rande).
Alters- und Generationsunterschiede
Neben dem Geschlecht spielt auch das Alter bzw. die Generation eine Rolle bei Burnout – allerdings nicht ganz so eindeutig. Oft hört man, die junge Generation sei besonders stressgeplagt. Tatsächlich zeigen manche Studien, dass jüngere Berufstätige sich überdurchschnittlich häufig ausgebrannt fühlen. Ein Beispiel: Laut der Pronova BKK-Umfrage von 2024 erlebten 18 % der Generation Z (18–29 Jahre) im letzten Jahr einen Burnout – verglichen mit 13 % bei allen Beschäftigten.
Gen Z gibt auch häufiger an, unter Dauerstress im Job zu stehen. Gründe dafür könnten u.a. sein, dass Jüngere oft am Anfang ihrer Karriere unter hohem Leistungsdruck stehen und sich zugleich stark selbst hinterfragen. Zudem, so argumentiert eine Expertin in der Studie, setze Gen Z hohe Maßstäbe an Arbeitsbedingungen und möchte sich selbst verwirklichen, was zu höherer Frustration führen kann, wenn die Realität nicht mit den Erwartungen übereinstimmt.
Paradoxerweise kann gerade die große Auswahl an Möglichkeiten für die Jungen zur Überforderung werden, weil die Suche nach dem „richtigen“ Job oder Sinn zu Stress ausartet. Das Luxusproblem wird zum Stressproblem. Diese Interpretation zeigt, wie nuanciert Burnout-Faktoren sein können: Nicht nur Überarbeitung, sondern auch Orientierungslosigkeit oder enttäuschte Erwartungen können auslaugen.
Studie zeigt: Burnout-Zahlen nehmen bei den 61- bis 65-Jährigen zunehmend zu
Auf der anderen Seite dürfen wir die älteren Jahrgänge nicht aus dem Blick verlieren. Oft wird vergessen, dass auch Beschäftigte jenseits der 50 oder 60 unter Burnout leiden – vielleicht aus anderen Gründen (z.B. Umstrukturierungen, wachsende Technikanforderungen, Sorge vor Arbeitsplatzverlust).
Eine aktuelle Analyse (2024) in einem Fachjournal stellte fest, dass die Burnout-Trends bei den 61- bis 65-Jährigen in den letzten Jahren zugenommen haben, während sie in der Allgemeinbevölkerung relativ stabil blieben. Das heißt, gerade kurz vor der Rente scheinen einige besonders aus der Puste zu geraten – möglich, dass hier langjährige Belastungen kumulieren oder das körperliche Durchhaltevermögen nachlässt.
Man könnte überspitzt sagen: Burnout kennt kein Alter – vom Berufseinsteiger bis zur erfahrenen Fachkraft kann es jede*n treffen, wenn auch aus unterschiedlichen Anlässen. Die Mittelschicht der Erwerbstätigen (sagen wir 30–50 Jahre) steht oft in der „Rush Hour“ des Lebens mit Karriere und Familie parallel – auch hier gibt es reichlich Burnout-Potenzial. In Summe zeigen die Daten aber kein simples Muster „jung = burnout-anfällig, alt = resilient“ oder umgekehrt. Vielmehr kommt es auf Lebensphase und Umstände an.
Wichtig ist, dass sowohl junge Beschäftigte (Stichwort: Generation Z im Stressmodus) als auch ältere Kollegen (Stichwort: langjährige Dauerbelastung) jeweils passende Unterstützung finden, wenn es brenzlig wird. Burnout-Prävention hängt also auch davon ab, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Generationen anzuerkennen – was für dich mit 25 stressig ist, unterscheidet sich womöglich von dem, was dich mit 60 stresst.
Regionale Unterschiede: Nord-Süd-Gefälle und Ost-West-Aspekte
Deutschland ist groß und vielfältig – gilt das auch für Burnout-Statistiken?
Die Antwort: Ja, es gibt regionale Unterschiede, wenn auch die Ursachen dafür nicht immer eindeutig sind. Generell zeigt sich seit Jahren bei den Krankenständen ein Nord/Ost – Süd/West-Gefälle: In den südlichen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg sind die Menschen im Durchschnitt seltener und kürzer krankgeschrieben als in vielen nord- oder ostdeutschen Bundesländern. Dieser Trend spiegelt sich auch in den Zahlen zu psychischen Erkrankungen und Burnout wider.
Ein Beispiel: Für das Jahr 2024 meldete die KKH Kasse den höchsten Krankenstand (alle Diagnosen) in Mecklenburg-Vorpommern mit 230 Krankmeldungen pro 100 Mitglieder, während Baden-Württemberg mit 184 Fällen pro 100 den niedrigsten Wert hatte. Baden-Württemberg war damit im Ländervergleich am gesündesten – oder man könnte sagen: MV hatte am meisten Ausfälle.
Das passt zum generellen Muster, dass strukturschwächere Regionen oft höhere Krankenstände haben. Interessanterweise wurde in einem früheren Bericht erwähnt, dass im Bundesland Saarland (ebenfalls traditionell mit hohen Fehlzeiten) Depressionen und Burnout die häufigsten Krankschreibungsgründe waren. Im Schnitt fehlte im Saarland 2019 eine Arbeitnehmerin 17,1 Tage im Jahr – das war damals der Spitzenwert unter den Ländern.
Bayern lag zum Vergleich nur bei 13,5 Fehltagen und war damit „Spitze“ in Sachen Gesundheit. Solche Unterschiede – fast 4 Tage Differenz pro Kopf – sind erheblich, wenn man bedenkt, dass es sich um Durchschnittswerte über Millionen Beschäftigte handelt.
Woran liegen diese regionalen Unterschiede bei den Burnout-Raten?
Eine These ist: In industriell geprägten, gut situierten Regionen Süddeutschlands sind die Jobs vielleicht körperlich weniger belastend und die medizinische Versorgung besser, während in strukturschwächeren Gegenden höhere Arbeitslosigkeit und Unsicherheit herrschen, was auf die Psyche schlagen kann.
Zudem gibt es in Ostdeutschland und einigen kleineren westdeutschen Ländern (wie dem Saarland) im Schnitt eine ältere Belegschaft und mehr gesundheitliche Vorbelastungen aus DDR-Zeiten oder von körperlicher Arbeit – all das fließt in Krankenstatistiken ein.
Speziell bei Burnout könnte man auch kulturelle Faktoren vermuten: Vielleicht ist in manchen Regionen die Arbeitskultur noch von „Zähne zusammenbeißen“ geprägt, so dass Burnout hier seltener gemeldet wird, während anderswo offener damit umgegangen wird. Allerdings ist das Spekulation. Die verfügbaren Daten geben eher allgemeine Krankheitsraten her. Für Burnout-spezifische Zahlen pro Bundesland bräuchte man tiefere Einblicke, die in öffentlichen Berichten selten aufgeschlüsselt werden.
Dennoch können wir zusammenfassen: Tendenziell haben Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen niedrigere Burnout-/Psychikrankenstände, während etwa Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder das Saarland höhere Raten aufweisen – im Einklang mit den generellen Krankenstands-Trends. Wichtig ist jedoch: In allen Regionen nehmen psychische Fehlzeiten zu.
Fehltage wegen pyschischer Erkrankungen erreicht in 2023 neues Rekordniveau
Die DAK etwa berichtet, dass über alle Bundesländer hinweg die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen 2023 auf Rekordniveau gestiegen sind. Mit anderen Worten: Egal ob im dynamischen Süden oder im strukturell schwächeren Norden – Burnout und Co. sind überall auf dem Vormarsch.
Der Unterschied liegt höchstens im Ausmaß. Unternehmen in gewissen Regionen sollten aber durchaus genauer hinsehen. Wenn du also in, sagen wir, Mecklenburg oder im Saarland lebst und das Gefühl hast, „bei uns sind irgendwie alle dauernd ausgebrannt“, dann unterstreichen die Statistiken leider, dass da etwas dran ist. Und andersherum: In München oder Stuttgart heißt weniger Burnout in der Statistik nicht, dass es das Problem dort nicht gibt – es versteckt sich vielleicht nur besser.
Brennpunkte: In welchen Branchen brennt die Luft?
Nicht jeder Job ist gleich – das gilt auch in puncto Burnout-Risiko. Die Branche und der Beruf haben einen großen Einfluss darauf, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, in die Burnout-Falle zu tappen. Und hier zeigen Statistiken sehr klare Bilder: Vor allem Berufe, in denen man für andere Menschen Verantwortung trägt und die oft mit Personalmangel und hohem Druck einhergehen, sind besonders betroffen.
Der DAK-Psychreport 2024 liefert beeindruckende Zahlen zu den Unterschieden zwischen Berufsgruppen. Ganz oben auf der Liste der psychischen Fehltage standen im Jahr 2023:
- Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen (Kita/Kindergarten): 534 AU-Tage je 100 Versicherte
- Altenpflege-Fachkräfte: 531 AU-Tage je 100 Versicherte
Diese Werte sind extrem hoch – zum Vergleich lag der Durchschnitt über alle Berufsgruppen bei etwa 323 Tagen je 100 Beschäftigte. Das heißt, in Kitas und Altenheimen fielen im Schnitt über 5 Fehltage pro Person und Jahr wegen psychischer Erkrankungen (inkl. Burnout) an, während der Schnitt über alle Berufe bei ca. 3,2 Tagen lag. Anders ausgedrückt: Kita- und Pflegekräfte haben fast das Doppelte des Durchschnitts an Ausfalltagen durch psychische Belastungen.
Warum ausgerechnet dort? Die DAK-Analyse kommentiert: In Berufen, „wo sich Menschen um das Wohlbefinden anderer kümmern und zudem Personalmangel herrscht,“ sind die psychischen Belastungen besonders hoch. Genau das ist in Kitas, Pflegeheimen, aber auch in Krankenhäusern der Fall. Dauernder Personalmangel, ständige Überstunden, hoher emotionaler Druck (man will den anvertrauten Menschen gerecht werden) – diese Mischung ist offenbar ein perfekter Nährboden für Burnout.
Wenn du also z.B. als Pflegekraft arbeitest, wirst du leider bestätigen können, was die Zahlen zeigen: Viele Kolleg*innen sind ausgelaugt, manche verlassen sogar den Beruf komplett aufgrund der Überforderung. Das ist ein Teufelskreis, der durch Fachkräftemangel noch verschärft wird – weniger Personal muss die gleiche Arbeit stemmen, was noch mehr Stress bedeutet.
AU-Tage branchenunabhängig auf überdurchschnittlichem Niveau
Aber nicht nur im Gesundheits- und Sozialwesen gibt es Auffälligkeiten. Schauen wir auf andere Branchen: Öffentliche Verwaltung lag 2023 bei 378 AU-Tagen/100 wegen psychischer Erkrankungen, Bildung, Kultur und Medien bei 333 Tagen, Organisationen und Verbände bei 337 Tagen – allesamt über dem Durchschnitt.
Das zeigt, dass auch Büro- und Verwaltungsjobs – sofern hoher bürokratischer Druck oder soziale Konflikte vorhanden sind – stark betroffen sein können. Interessant ist, dass ausgerechnet in Branchen mit vermeintlich „sinnstiftenden“ Tätigkeiten (Bildung, Kultur) erhöhte Werte auftreten – möglicherweise, weil dort oft mit knappen Mitteln viel erreicht werden muss und die Idealisten unter den Arbeitnehmern dann ausbrennen.
Dem gegenüber stehen Branchen mit weniger psychischen Fehlzeiten: Traditionell waren z.B. Bereiche wie IT oder Finanzen eher unter dem Schnitt, ebenso viele freie Berufe und die Industrie (wenn auch manche Industriejobs körperlich fordernd sind, schlagen dort eher die körperlichen Erkrankungen zu Buche).
Laut einem Bericht der KKH von 2019 hatten etwa Freiberufler, Wissenschaftler und Pädagogen in Bayern die wenigsten Krankheitstage insgesamt – wobei „Pädagogen“ hier wohl Schulleute meint, während Kita-Pädagogen ja sehr hohe Werte hatten. Industrie und Handwerk litten vor allem unter Rückenproblemen (Muskel-Skelett), während im Gesundheitswesen die meisten Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen (Depression, Burnout) auftraten.
Das bestätigt: Der Jobkontext macht einen großen Unterschied.
| Berufsgruppe/Branche | Psychische AU-Tage je 100 Versicherte (2023) |
|---|---|
| Erzieherinnen, Sozialpädagoginnen | 534 |
| Altenpflege (Pflegefachkräfte) | 531 |
| Gesundheitswesen (gesamt, ø) | 472 |
| Öffentliche Verwaltung | 378 |
| Bildung, Kultur, Medien | 333 |
| Alle Branchen – Durchschnitt | 323 |
| IT/Telekom (zum Vergleich, unter Schnitt) | 273 ^①^ |
^①^ IT/Telekommunikation lag laut DAK 2023 unter dem Schnitt; exakter Wert hier beispielhaft geschätzt.
Man sieht: Kita und Pflege heben den Schnitt gewaltig an. Verwaltungsjobs und Bildung liegen leicht darüber, während manche Branchen (hier exemplarisch IT) deutlich darunter liegen.
In der Konsequenz kann es auch einen Unterschied machen, wo in Deutschland man schaut – denn die Branchen sind regional unterschiedlich verteilt: In Berlin etwa (mit vielen Verwaltungen und Verbänden) oder in Mecklenburg (mit vielen Pflegebedürftigen relativ zur Bevölkerung) könnten deswegen die Burnout-Raten höher liegen als etwa in Wolfsburg (Autobauerstadt) oder München (viele IT/Tech-Firmen). Branche und Region greifen also ineinander.
Was lernen wir daraus?
Burnout ist besonders dort verbreitet, wo hoher sozialer Druck, Verantwortung für andere und chronische Überlastung zusammentreffen. Die Zahlen liefern hierfür den Beleg. Es verwundert nicht, dass gerade Vertreter*innen dieser Berufe lautstark Verbesserungen fordern – denn sie zahlen mit ihrer Gesundheit für systemische Mängel (Personalschlüssel, Arbeitsbedingungen).
Welcher Beruf hat die höchste Burnout-Rate?
Laut den aktuellsten Auswertungen der AOK und Statista für das Jahr 2023 sind Aufsichts- und Führungskräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege die Berufsgruppe mit den meisten Burnout-bedingten Arbeitsunfähigkeitstagen. Sie verzeichnen 607,1 Fehltage pro 1.000 AOK-Versicherte – mehr als das Dreifache des allgemeinen Durchschnitts. Damit steht diese Gruppe klar an der Spitze.
Auch Berufe im Dialogmarketing, der Altenpflege sowie Führungskräfte im Verkauf gehören zu den am stärksten betroffenen Gruppen. Die Belastung in diesen Berufen ist durch eine Kombination aus Dauerstress, Personalmangel, hoher Verantwortung, emotionaler Belastung und mangelnder Erholung besonders hoch – ein idealer Nährboden für Burnout.
| Berufsgruppe | Burnout-bedingte Fehltage (je 1.000 AOK-Versicherte) |
|---|---|
| Aufsichts-/Führungskräfte in Pflegeberufen | 607,1 |
| Berufe im Dialogmarketing (z. B. Callcenter) | > 500 (geschätzt) |
| Altenpflege | > 450 (geschätzt) |
| Aufsicht im Verkauf/Einzelhandel | > 400 (geschätzt) |
Hinweis: Genaue Werte für alle Gruppen schwanken je nach Quelle, Zeitraum und Diagnosekriterien.
Pflegekräfte in leitender Funktion sind aktuell die Berufsgruppe mit der höchsten Burnout-Rate – sowohl bezogen auf die Zahl der Fehltage als auch auf die relative Diagnosehäufigkeit. Die Ursachen liegen in strukturellen Belastungen des Gesundheitssystems, aber auch in fehlenden Ressourcen, hohem emotionalem Druck und häufig unzureichenden Pausen.
Internationaler Vergleich: Welches Land hat die höchste Burnout-Rate?
Burnout macht nicht an den Landesgrenzen halt. Es lohnt sich also, einen kurzen Blick über den deutschen Tellerrand zu werfen: Ist Burnout anderswo genauso ein Thema? Und steht Deutschland im internationalen Vergleich besser oder schlechter da?
Zunächst: Weltweit sehen wir ähnliche Entwicklungen. Eine globale Studie der Boston Consulting Group (BCG) im Jahr 2024 fand heraus, dass im Durchschnitt 48 % der Arbeitnehmer*innen in acht untersuchten Ländern (darunter Deutschland, USA, UK, Frankreich, Japan u.a.) angeben, aktuell mit Burnout zu kämpfen.
Fast die Hälfte weltweit – das deckt sich frappierend mit den deutschen Umfragewerten, die wir eingangs gesehen haben. Anders ausgedrückt: Burnout ist keine deutsche Marotte, sondern ein globales Phänomen moderner Arbeitswelten. Faktoren wie die ständige Erreichbarkeit durch Smartphones, steigende Arbeitsverdichtung und Unsicherheiten durch Krisen (wirtschaftlich, pandemisch) betreffen ja Beschäftigte rund um den Globus.
Burnout-Raten in Deutschland deutlich niedriger als in den USA
Es gibt allerdings interessante Unterschiede: Laut BCG-Umfrage waren die Burnout-Raten in Ländern wie Deutschland und Japan signifikant niedriger als in einigen anderen Ländern. Genaue Prozentsätze wurden in der Pressemitteilung nicht genannt, aber diese Aussage deutet an, dass z.B. in den USA, Indien oder auch Australien die Quote der Ausgebrannten eher höher liegt, während Deutschland etwas darunter liegt. Warum das so ist, wurde dort nicht abschließend erklärt.
Man könnte spekulieren: Vielleicht greifen in Deutschland doch gewisse Schutzmechanismen (z.B. gesetzlicher Urlaub von mindestens 24 Tagen, relativ starke Arbeitnehmerrechte, Krankenkassen-System) besser, sodass Burnout etwas gebremst wird. In der Diskussion wird auch manchmal behauptet, die Deutschen seien „arbeitszeitverwöhnt“ (Stichwort 35- bis 40-Stunden-Woche, wenig Überstunden im internationalen Vergleich) – ob das wirklich stimmt, sei dahingestellt.
Jedenfalls stehen wir nicht als absolutes Negativbeispiel da, aber auch nicht als Paradies: ~48 % fühlen sich ausgebrannt (globaler Schnitt) und deutsche Befragte lagen in einer anderen Studie ja auch um die 44 % „häufig Burnout-Gefühl“.
Der Unterschied ist also marginal.
Zur Untermauerung noch ein Vergleich: Eine US-Umfrage des Versicherers Aflac aus 2023 ergab, dass 22 % der US-Arbeitnehmer ein hohes oder sehr hohes Burnout-Level angaben, weitere 35 % ein moderates Das heißt in den USA stuften insgesamt 57 % ihr Burnout-Level mindestens als moderat ein – tendenziell etwas höher als die deutschen 44 % „häufig ausgebrannt“, aber die Fragen sind nicht 1:1 vergleichbar.
In jedem Fall zeigt es: Die USA kämpfen ebenfalls mit einer Burnout-Krise. Und andere Zahlen untermauern das: Laut Gallup haben über 40 % der Beschäftigten in den USA angegeben, immer oder sehr häufig bei der Arbeit ausgebrannt zu sein – besonders hoch war dieser Wert mit 44 % z.B. im Lehrkräftebereich (K-12 Education). Hier sehen wir Parallelen: Lehrer in den USA – ähnlich wie Erzieher und Pflege in Deutschland – an der Spitze der Burnout-Raten.
Auch im europäischen Vergleich ist Burnout überall Thema. In Österreich zum Beispiel gab es ebenfalls Diskussionen, und Umfragen zeigen vergleichbare Werte. Laut einer österreichischen Arbeiterkammer-Umfrage meinten 2022 rund 41 % der Befragten, in ihrem Job häufig am Rande eines Burnouts zu stehen – was sehr nahe an den deutschen Werten liegt. Der Begriff “Burnout“ taucht in vielen Sprachen mittlerweile auf – in Frankreich spricht man vom “syndrome d’épuisement professionnel“, in Italien vom “burnout da lavoro“, aber meist übernimmt man einfach das englische Wort.
International viel beachtet war, dass die WHO (Weltgesundheitsorganisation) Burn-out wie erwähnt in den Katalog ICD-11 aufnahm, offiziell als „chronischer Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird“ definiert, mit den drei Kernmerkmalen: Energielosigkeit, mentale Distanz/zynische Haltung zum Job und verminderte Leistungsfähigkeit.
Diese formale Anerkennung ab 2022 zeigt, dass Burnout weltweit als ernstes Problem gilt – es ist kein Luxusproblem saturierter Deutscher, sondern eine Herausforderung von den USA bis Japan. Manche Medien sprechen gar von einer „stillen Pandemie“ des Burnouts, die parallel zu anderen Pandemien verläuft.
Dieser Ausdruck mag dramatisch klingen, bringt aber das Gefühl zum Ausdruck, dass Burnout millionenfach vorkommt, aber oft im Stillen (im Vergleich zu z.B. Corona, das Schlagzeilen machte).
Vielleicht ein letzter Vergleichspunkt: Arbeitszeiten. In Ländern, wo sehr lange Arbeitswochen die Norm sind (etwa Südkorea, Japan, teils USA), erwartet man höhere Burnout-Quoten. Deutschland liegt mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit im Mittelfeld. Aber Arbeitszeit allein ist nicht alles – Studien wie die von BCG zeigen, dass Inklusion und Unterstützung am Arbeitsplatz große Rollen spielen.
Wenn du dich als Mitarbeiter wertgeschätzt und eingebunden fühlst, halbiert sich laut BCG die Wahrscheinlichkeit, auszubrennen. Hier schneiden vielleicht manche Länder (z.B. skandinavische mit flachen Hierarchien) besser ab als andere.
