Wer in Deutschland einen Facharzttermin braucht, wartet im Schnitt 42 Tage darauf.
Das ist der offizielle Wert des Bundesgesundheitsministeriums für gesetzlich Versicherte im Jahr 2024, neun Tage länger als noch 2019. Privatversicherte warten nach dem RWI-Feldexperiment nur 12 Tage.
Der Unterschied ist tatsächlich messbar und hat einen klaren Grund: das Vergütungssystem.
Wo die Wartezeiten am längsten sind, wer am schnellsten drankommt und wie du als gesetzlich Versicherter trotzdem schneller einen Termin bekommst, zeige ich dir in diesem Artikel.
Bei welchen Ärzten wartet man am längsten auf einen Termin?
Am längsten warten gesetzlich Versicherte auf Termine bei Kinder- und Jugendpsychiatern, Rheumatologen und Schmerztherapeuthen. Diese drei Fachgebiete sind strukturell unterversorgt und zeigen das deutlichste Gefälle zwischen GKV- und PKV-Patienten.
In der folgenden Tabelle findest du die durchschnittlichen Wartezeiten für gesetzlich Versicherte:
| Fachrichtung | Wartezeit GKV | Wartezeit PKV |
|---|---|---|
| Kinder- und Jugendpsychiater | 6–18 Monate | 1–4 Wochen |
| Rheumatologe | 6–12 Monate | 4–8 Wochen |
| Schmerztherapeut | 6–12 Monate | 4–8 Wochen |
| Psychotherapeut | 3–6 Monate | 1–4 Wochen |
| Endokrinologe | 3–9 Monate | 4–8 Wochen |
| Neurologe / Psychiater | 3–12 Monate | 4–8 Wochen |
| Dermatologe | 2–6 Monate | 2–4 Wochen |
| Kardiologe | 4–8 Wochen | 1–3 Wochen |
| HNO-Arzt | 3–6 Wochen | 1–2 Wochen |
| Gynäkologe | 3–8 Wochen | 1–2 Wochen |
| Orthopäde | 3–5 Wochen | 1–2 Wochen |
| Augenarzt | 2–4 Wochen | 3–7 Tage |
| Hausarzt | 1–3 Tage | 0–1 Tag |
Quellen: arzt-direkt.de (Dezember 2025), RWI-Feldexperiment, Bundesgesundheitsministerium (Januar 2026)
Psychotherapeut: 142 Tage bis zum Therapiebeginn
Das akuteste Versorgungsproblem in Deutschland ist die Psychotherapie. Die Bundespsychotherapeutenkammer ermittelte auf Basis der KBV-Abrechnungsdaten eine durchschnittliche Wartezeit vom Erstgespräch bis zum Therapiebeginn von 142,4 Tagen, also knapp fünf Monate.
Aktuelle Daten des Innovationsausschusses des Gemeinsamen Bundesausschusses beziffern die Wartezeit auf ca. fünf Monate. PKV-Versicherte warten auf denselben Platz ein bis vier Wochen.
Kinder und Jugendliche trifft es noch härter. Eine NDR-Umfrage unter norddeutschen Kinder- und Jugendpsychiatrien aus dem Jahr 2025 ergab Wartezeiten von durchschnittlich bis zu sechs Monaten, in Einzelfällen bis zu neun Monaten auf einen leitliniengerechten Therapieplatz.
Dermatologe: Viele Praxen nehmen keine GKV-Patienten mehr an
Bei Dermatologen ist die Situation in manchen Regionen noch dramatischer als die Wartezeiten vermuten lassen. Eine Studie aus dem Raum Bielefeld aus dem Jahr 2024 untersuchte 125 Facharztpraxen und stellte fest: Viele Hautarztpraxen nehmen keine neuen Kassenpatienten mehr auf.
Der Anteil reiner Privatpraxen liegt in der Dermatologie deutschlandweit bei rund 10 Prozent und steigt weiter. Wer keinen Bestandspatient ist, wartet als GKV-Versicherter oft zwei bis sechs Monate, wenn er überhaupt einen Termin bekommt.
Orthopäde und HNO: PKV-Patienten bis zu viermal schneller
Beim Orthopäden beträgt der Faktor zwischen GKV und PKV in der Terminvergabe oft 4:1. Viele Praxen bieten separate Privatsprechstunden an, zu denen GKV-Patienten keinen Zugang haben.
Das RWI-Feldexperiment aus dem Jahr 2016 errechnete für das gesamte Facharztsystem eine durchschnittliche Wartezeit von 30,7 Tagen für GKV-Patienten gegenüber 7,8 Tagen für PKV-Patienten, ein Faktor von 3,9.
Beim HNO-Arzt sind die absoluten Wartezeiten kürzer, das prozentuale Gefälle zwischen den Versicherungsgruppen ist aber ähnlich ausgeprägt.
Warum bevorzugen Ärzte Privatpatienten?
Der Grund liegt im Vergütungssystem, nicht im Ermessen der einzelnen Praxis.
Ein Kassenarzt bekommt für einen GKV-Patienten eine Quartalspauschale von ca. 35 bis 45 Euro, egal wie oft der Patient kommt und wie lange das Gespräch dauert. Ist das Budget für das Quartal aufgebraucht, behandelt er GKV-Patienten faktisch ohne Honorar.
Für einen Privatpatienten rechnet er jede Leistung einzeln nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) ab, mit dem 2,3- bis 3,5-fachen Satz. Ein Gespräch, das bei der GKV mit 10 Euro vergütet wird, bringt bei einem PKV-Patienten 40 bis 80 Euro.
Das Wissenschaftliche Institut der PKV beziffert den Mehrumsatz je Arztpraxis durch Privatpatienten auf im Schnitt über 55.000 Euro jährlich.
Welcher Facharzt geht am schnellsten?
Am schnellsten kommt man zum Augenarzt und zum Hausarzt. Bei beiden Versicherungsgruppen sind die Wartezeiten hier am kürzesten, und der Unterschied zwischen GKV und PKV ist vergleichsweise gering.
Beim Hausarzt bekamen laut Statista-Umfrage aus dem Jahr 2024 rund 40 Prozent der GKV-Versicherten noch am Tag der Terminvereinbarung einen Termin.
Augenarzt: der schnellste Facharzt ohne Überweisung
Augenärzte haben die kürzesten Wartezeiten aller Fachärzte, mit durchschnittlich zwei bis vier Wochen für GKV-Versicherte. Ein weiterer Vorteil: Für die Terminvermittlung über die bundesweite Terminservicestelle 116 117 braucht man beim Augenarzt weder eine Überweisung noch einen Dringlichkeitscode.
Das gilt sonst nur noch beim Gynäkologen.
Gynäkologe: Direkttermin auch ohne Überweisung
Gynäkologen können ebenfalls ohne Überweisung über die 116 117 angefragt werden. Die Wartezeiten sind mit drei bis acht Wochen für GKV-Versicherte moderat, und der Unterschied zu PKV-Patienten mit ein bis zwei Wochen ist geringer als bei anderen Fachrichtungen.
Zahnarzt: kein relevanter Unterschied zwischen GKV und PKV
Beim Zahnarzt ist die Situation anders als bei den meisten anderen Fachärzten. Studien zeigen keine wesentlichen Unterschiede in der Terminvergabe zwischen GKV- und PKV-Patienten. Wartezeiten sind kurz, die Praxen arbeiten nach anderen Vergütungsstrukturen als Kassenarztpraxen.
Wie kommt man schneller zu einem Arzttermin?
Als gesetzlich Versicherter hast du mehrere Möglichkeiten, Wartezeiten zu verkürzen. Die Terminservicestelle 116 117 ist dabei der gesetzlich verankerte Weg mit der stärksten Wirkung, wenn du einen Dringlichkeitscode hast.
Daneben helfen Online-Portale, parallele Anfragen und das Kostenerstattungsverfahren weiter.
Was bringt die Terminservicestelle 116 117?
Die bundesweite Terminservicestelle unter der Rufnummer 116 117 vermittelt GKV-Versicherten gesetzlich garantiert einen Facharzttermin innerhalb von vier Wochen, vorausgesetzt du hast eine Überweisung mit Dringlichkeitscode vom Hausarzt.
Im Jahr 2024 wurden laut KBV-Evaluationsbericht 1.645.215 Terminbuchungen registriert, davon 97 Prozent fristgerecht vermittelt. Das Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung beziffert die durchschnittliche Wartezeit auf vermittelte Termine auf 8,6 Tage.
Zwei Einschränkungen: Der Dienst vermittelt keinen Wunscharzt und keinen Wunschtermin, sondern nur freie Kapazitäten im Umkreis. Und: Rund 49 Prozent der GKV-Versicherten kennen die Terminservicestelle gar nicht.
Was ist der Dringlichkeitscode und wie bekommst du ihn?
Der Dringlichkeitscode ist ein zwölfstelliger Code auf der Überweisung des Hausarztes.
Mit diesem Code hast du als GKV-Versicherter einen gesetzlichen Anspruch auf einen Facharzttermin innerhalb von vier Wochen. Bitte deinen Hausarzt explizit darum und erkläre, warum du dringend einen Facharzttermin benötigst.
Der Arzt prüft dann, ob die Voraussetzungen vorliegen.
Welche weiteren Möglichkeiten gibt es?
Neben der 116 117 gibt es weitere Wege, die in der Praxis oft unterschätzt werden:
- Online-Portale wie Doctolib, Jameda und arzt-direkt zeigen Echtzeit-Verfügbarkeiten und haben häufig kurzfristige Termine, die telefonisch nie kommuniziert werden. Doctolib hat zudem eine Wartelistenfunktion mit automatischer Benachrichtigung bei Absagen.
- Mehrere Praxen parallel kontaktieren und überall auf die Absagen-Warteliste setzen lassen. Wer flexibel bei Uhrzeit, Wochentag und Anfahrtsweg ist, bekommt deutlich schneller einen Termin.
- Offene Sprechstunden nutzen: Seit 2019 müssen Fachärzte mindestens fünf Stunden pro Woche als offene Sprechstunde ohne Voranmeldung anbieten. Besonders bei Neurologen, Dermatologen, Orthopäden und HNO-Ärzten lohnt sich das.
- Terminservice der Krankenkasse anfragen: Rund drei Dutzend gesetzliche Kassen bieten einen eigenen Terminvermittlungsservice an, der wenig bekannt, aber effektiv ist.
- Videosprechstunde wählen: In Dermatologie, Psychiatrie, Psychotherapie und innerer Medizin sind Videosprechstunden mit deutlich kürzeren Wartezeiten verfügbar und in vielen Fällen vollständig ausreichend.
- Universitätskliniken und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) anfragen: MVZs beschäftigen mehrere Ärzte pro Fachrichtung und sind bei der Terminvergabe oft flexibler als einzelne Praxen.
- Kostenerstattungsverfahren aktivieren: GKV-Versicherte können bei ihrer Kasse das Kostenerstattungsverfahren nach § 13 Abs. 2 SGB V beantragen. Dann werden sie beim Arzt wie ein Privatpatient behandelt und reichen die Privatrechnung anschließend bei der Kasse ein. Die Kasse erstattet den Regelleistungsanteil von rund 23 bis 50 Prozent, je nach Leistung. Die Differenz trägt man selbst, sofern keine ambulante Zusatzversicherung vorhanden ist.
Was gilt speziell für Psychotherapie?
Für den Zugang zur Psychotherapie gelten eigene Regeln. Über die 116 117 kann ohne Überweisung ein Termin zur psychotherapeutischen Sprechstunde innerhalb von vier Wochen angefordert werden.
Nach diesem Erstgespräch kann der Therapeut einen Dringlichkeitscode ausstellen, der den Weg zum Therapieplatz beschleunigt. Wer nachweislich keine ausreichende Versorgung findet, kann zudem nach § 13 Abs. 3 SGB V eine Erstattungspflicht der Kasse geltend machen.
Fazit: „PKV bedeutet halbierte Wartezeiten bei jedem Facharztbesuch“
Die Datenlage aus fünf unabhängigen Studien ist eindeutig: Privatversicherte warten bei Fachärzten im Schnitt halb so lange wie GKV-Versicherte, bei bestimmten Fachrichtungen noch deutlich weniger.
Das ist eine direkte Konsequenz aus dem deutschen Vergütungssystem. Wer als Kassenarztpatient wartet, wartet strukturell. Wer als Privatpatient kommt, bringt der Praxis pro Besuch das Drei- bis Vierfache an Honorar.
Die stärksten Unterschiede zeigen sich bei Dermatologen, Orthopäden, Psychotherapeuten und Rheumatologen. Bei Zahnärzten und Hausärzten sind die Unterschiede dagegen gering. Wer überlegt, in die private Krankenversicherung zu wechseln, sollte diesen Punkt nicht als Nebenaspekt behandeln.
Der Zugang zur medizinischen Versorgung ist Teil dessen, wofür man bei der PKV zahlt.
